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Quer durch die Mitte

by - 12 Apr 2010

Unser naechstes grosses Ziel war die Terrakotta-Armee in Xi’an. Da Xi’an aber 1200 km von Peking entfernt ist, bot es sich an, auf halber Strecke in Pingyao einen Zwischenstopp einzulegen.
Pingyao ist einer der letzten Orte Chinas, bei dem die Altstadt samt Altstadtmauer noch immer erhalten sind. Die Stadt zaehlt inzwischen eine halbe Mio. Einwohner, die natuerlich nicht alle innerhalb der Stadtmauer Platz finden. Das neue Pingyao ausserhalb der Mauer sieht mit seinen Betonwohnkloetzen, den blinkenden Shopping Malls und den ueblichen Fast Food-Ketten nicht anders aus als jede andere moderne chinesische Stadt. Wenn man jedoch das Tor zur Altstadt durchschreitet, wird man zurueckversetzt ins alte China mit eingeschossigen Haeusern, in deren Innenhof gekocht, gewaschen und gegessen wird. Bei unserem Rundgang auf der Stadtmauer konnten wir ueber die Daecher des Staedtchens blicken und sogar das private Geschehen in den Innenhoefen beobachten.
Blick in Courtyardhouse, Pingyao

Stadtmauer, Pingyao
Nach zwei Tagen gings dann aber mit dem Nachtzug weiter nach Xi’an. Allerdings waren die Liegeplaetze des Zuges bereits alle ausgebucht, so mussten wir uns mit einem „hard seat“ in der untersten Klasse begnuegen. Dort kommt man dann dem einfachen Manne naeher, als einem lieb ist. Nunja, wir sind inzwischen schon einiges gewoehnt und so hat es uns nicht weiter gewundert, dass die Leute hier auf die Taschen ihrer Mitreisenden spucken, ihre stinkenden Fuesse auf die Jacke des Nebenmannes legen oder einem aufs Broetchen ruelpsen. Wie erwartet konnten wir kein Auge zu machen, weil auch noch mitten in der Nacht die Schaffner mit ihren Verkaufswagen durch das Abteil rollen und lauthals Tee, Snacks, Halsketten oder medizinische Saugglocken zur Belebung des Koerpers anbieten. Bezeichnend fanden wir es aber doch, dass man in diesem Abteil den Chinesen am fruehen Morgen den Nutzen einer Zahnbuerste erlaeutert und die richtige Handhabung des kleinen Reinigungsinstrumentes vorfuehrt. Das ist dann das andere Gesicht der Wirtschaftsmacht China. Technik und Wirtschaft geben ein Tempo vor, mit dem die Menschen nur bedingt mithalten koennen.
In Xi’an angekommen haben wir uns zur Terrakotta-Armee aufgemacht. Chinas erster Kaiser Qin Shihuangdi liess vor ueber 2000 Jahren diese Armee aus ueber 7000 Tonsoldaten in Schlachtformation bei seinem Mausoleum aufstellen. Denn er folgte dem traditionellen Glauben, dass alle Grabbeigaben den Toten auch im Jenseits begleiten werden. Kaum zu glauben, dass das Mausoleum vollkommen vergessen war bis es zufaellig von ein paar Bauern, die einen Brunnen bohren wollten, in den 1970ern wieder entdeckt wurde. Die Groesse der Armee mit ihren lebensgrossen Figuren ist heute so beeindruckend wie damals.
Terrakotta-Armee, Xi'an
Allerdings laesst die schnoede Praesentation dieses archaeologischen Schatzes in einer reithallenartigen Architektur etwas zu wuenschen uebrig. Man blickt leider nur von oben und mit einiger Entfernung, gequetscht zwischen diverse Tourgruppen, auf die Reihen der Soldaten. Da jeder der Soldaten eigene Gesichtszuege besitzt und auch die Kleidung sowie die Frisuren bis ins Detail ausgearbeitet sind, ist es schade, dass man nur rund 5 Soldaten aus naechster Naehe betrachten kann. 😦
Ich wuerde sie gerne mehr aus der Naehe sehen!

Terrakotta-Soldaten, Xi'an

In Xi’an haben wir wieder den Nachtzug genommen um 1300 km quer durchs Land bis zum Huang Shan Gebirge zu reisen. Die nebelverhangenen Felskuppen des Gebirges, bei denen buschige Tannen feine Farbakzente setzen, zaehlen zu den grossen Naturschoenheiten des Landes. Nicht umsonst hat dieses Gebirge viele Maler und Dichter zu kunstvollen Kompositionen inspiriert.
Huang Shan Huang Shan
Also haben wir uns aufgemacht, dieses Tuschebild in 3D ebenfalls zu erklimmen. Tausende von Stufen sind in die Felsen gehauen, die den Wanderer von Gipfel zu Gipfel fuehren. Jedesmal sind wir verschwitzt und ausser Puste auf der Spitze angekommen und jedesmal war der Ausblick die Anstrengung wert. Wir sind mehr als 8 Stunden nur Treppen rauf und runter gelaufen, aber das schien ein Geringes verglichen mit dem, was die Lastentraeger leisten, die den Berg taeglich mehrmals voll bepackt besteigen, um die Hotels mit allem Notwendigen zu versogen.
Nahrungsmittelnachschub
Wir haetten aber vielleicht nicht so lange durchgehalten, wenn wir nicht unterwegs zwei andere nette Backpacker, Jason (USA) und Dominic (Kanada) getroffen haetten, mit denen wir dann die Wege zusammen gegangen sind. Bevor wir schlafen gehen wollten, wollten wir noch ein Bierchen mit den beiden in ihrem Hotel geniessen. Als man uns sagte, dass es bis zu unserem Hotel aber noch zwei weitere Stunden zu laufen sind, hat sich dieser Plan zerschlagen. Inzwischen war es naemlich laengst dunkel, unsere Karte ungenau und ausser uns zweien alle anderen Touristen laengst in ihren wohlig warmen Herbergen angekommen. Die Treppen waren unbeleuchtet und man hat neben dem Rauschen des Windes, der durch die Tannenwipfel gefahren ist, nur noch manchmal den Schrei eines einsamen Vogels vernommen. Sarah hat sich schon die ganze Nacht ueber die Felskuppen des Huan Shan irren sehen. Die Jungs haben uns freundlicherweise bis zur naechsten Kreuzung begleitet, damit wir zumindest auf den richtigen Hauptweg gelangen. Die ungeplante Nachtwanderung war tatsaechlich ein bisschen unheimlich, aber irgendwie auch schrecklich romantisch. Und kuerzer als erwartet: nach 30 Minuten waren wir am Ziel! Die Wegzeit mit zwei Stunden zu veranschlagen, war mal wieder nur ein Trick gewesen, um uns fuer horrendes Geld einen Fuehrer anzudrehen und Kapital aus unserer Verunsicherung zu schlagen. Gut, dass wir unseren Mut zusammen genommen haben und uns uns allein auf den Weg gemacht haben! Am naechsten Morgen sind wir dann bereits um 5h aufgestanden, um den Sonnenaufgang nicht zu verpassen. Der Anblick war wunderschoen, aber das poetische Blut in unseren Adern konnte angesichts der unromantisch draengelnden Tourgruppen nicht kraftvoll pulsieren, sondern musste bitterlich erfrieren. Sonst haetten wir diesen Abschnitt nicht in Prosa, sondern jambischen Rhythmen verfasst.
Sonnenaufgang, Huang Shan

Am Fusse des Berges befinden sich noch einige sehr huebsche Doerfer, die der Abrissbirne entkommen sind. Sie werden wohl auch verschont bleiben, weil China auf der Suche nach seinen historischen Wurzeln diese Orte inzwischen gewinnbringend an den Touristen vermarkten kann. So sind wir stundenlang mit dem Bus durch gelbe Raps- und Teefelder gefahren, in der Hoffnung in „Xidi“ und „Hongcun“ ein unberuehrtes Landleben vorzufinden. Zwar sieht man immer noch vielfach Pferdekarren anstatt Traktoren, aber eine einsame Entdeckung sind alle diese Orte laengst nicht mehr. In grossen Tourbussen werden die Chinesen angekarrt, der Fuehrer quaekt in den engen Gassen durch sein Megaphon und am Eingangstor zahlt man 8 Euro, um das Dorf ueberhaupt betreten zu koennen.
Staunende Tourgruppe
Dennoch haben sich die Ausfluege gelohnt, denn die beiden Orte sind wirklich malerisch mit ihren einfachen, leicht verfallenen Haeusern neben kleinen Baechen und zwischen bluehenden Feldern. Die Tueren standen meist einfach offen, so dass man auch einen Blick in die Wohnhaeuser werfen konnte. Die Wohnstuben sind so einfach, dass sie nicht nur geographisch unglaublich weit entfernt scheinen von einer guten Stube in Shanghai.
Ein Wohnraum, Xidi
Eigentlich wollten wir auf unserer Chinareise den Gegensatz von dem einfachen Dorfleben und dem modernen Grossstadtleben der Metropolen vergleichen. Aber um das wahre, nicht fuer den Touristmus aufbereite, Dorfleben in China zu finden, muss man viel mehr Reisezeit mitbringen. Auch wenn das Dorfleben hier durch den Massentourismus mit seinen zahlreichen Souvenirlaeden nicht mehr 100% authentisch ist, zeigt es dennoch ein Land im Umbruch und auf der Suche nach seinen Traditionen.
Schweineteile am Halbmond-See, Hongcun Strasse von Xidi

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From → China

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